Aus:
Unter Dampf
Eine Lebensgeschichte
Wilhelm Böcker
 

Auf Fronturlaub

(...) Meine Freude war übergroß, doch von Unbeschwertheit keine Spur, denn Zuhause war der Krieg längst angekommen. Mit dem Zug kamen wir ins Ruhrgebiet, doch in Herne-Wanne war Schluss. Erst kurz zuvor war der Großraum Dortmund bombardiert worden, der Asphalt war noch heiß, überall hörte man die Sirenen der Feuerwehr. Die Züge mussten die Stadt umfahren. Unerwartete Hilfe kam von unserem Nachbarn Schenk, den ich zufällig in einem Vorort traf und der mir half, nachhause zu kommen. Sein Sohn, er hatte mit mir gelernt, war bereits gefallen.

Meine Eltern waren glücklich, mich gesund zu sehen, und dass ich zur Feier des Tages französischen Käse und Butter aus meinem Rucksack zauberte – den Wein hatte ich schon mit Kameraden auf der Fahrt ausgetrunken, weil uns die Flaschen zu schwer waren. Die Silberhochzeit war ein ausgelassenes Fest, bei dem auch unsere einstmalige Nachbarin Friedchen und ihr Ehemann anwesend waren. Friedchen war so alt wie mein Bruder Ludwig. Ihr Mann war Offizier bei der Fallschirmtruppe und versprach mir: „Ich seh‘ zu, dass Du zu mir kommst!“ Das Schicksal wollte es anders. Ich wurde nicht zu ihm versetzt und er auf Sizilien ermordet.

Zwei Tage nach unserem Fest kam kein Wasser mehr aus der Leitung. Keiner wusste, was passiert war. Oma Heller ließ es keine Ruhe. „Komm‘, wir fahren mal an die Ruhr.“  Mit unseren Fahrrädern fuhren wir die acht Kilometer dorthin, wo heute die Ruhrbrücke steht. Entsetzt sahen wir, wie man dort aufgeblähte Rinder und Pferde aus dem Wasser zog und auf Lkw verlud. Wir konnten es nicht fassen. Die Staumauer der Möhnetalsperre war in der Nacht zum 17. Mai gesprengt worden. Bis Bochum, so sagten die Leute, sei die Flutwelle gekommen. 1.500 Menschen, erfuhren wir später, hatten ihr Leben verloren. Die meisten wurden vom Wasser im Schlaf überrascht.
Oma wollte sich ein Bild machen. „Lass uns bis Fröndenberg fahren.“ Wir fuhren zur Kirche, in der das ganze Ausmaß der Katastrophe zu unseren Füßen lag: mehr als 400 Leichen gestapelt, darunter die russischen Zwangsarbeiterinnen, die in der benachbarten Näherei gearbeitet hatten. Süßer Verwesungsgeruch umgab uns. Noch mehr leblose Körper wurden in den Innenraum geschleppt, wo sich mit Taschentuch vor Nase und Mund Leute daran machten, vermisste Familienangehörige, Nachbarn und Freunde zu finden. Jeder identifizierte Tote erhielt ein Namensschildchen. Nun hatte ich zwei Jahre Krieg hinter mir, doch so etwas Grausames hatte ich bis dahin nicht gesehen. Wieder keimten Zweifel und Sorge in mir auf, wie das für Deutschland enden sollte.

Mein Urlaub war zu Ende. Zurück in Caen erfuhr ich, dass meine Kompanie kurz zuvor nach Avignon verlegt worden war. Man munkelte nun von einer möglichen Invasion der Alliierten in Südfrankreich. Ich fuhr mit dem Zug hinterher und nutzte die Gunst der Stunde für einen kleinen Zwischenhalt in Paris. Als Soldat war es kein Problem, in den besetzten Ländern unterwegs Unterkunft und Verpflegung durch die Wehrmacht zu erhalten. Ich kam in einem Hinterhof-Hotel unter und verköstigte mich in den diversen Militärkantinen in der Stadt. Die Zeit dazwischen nutzte ich für ausgedehnte Besichtigungen: Vor allem Schloss und Park von Versailles genoss ich ausgiebig. Nach zwei Tagen fuhr ich gemütlich weiter nach Avignon und meldete mich ordnungsgemäß vom Urlaub zurück.