Aus:

Ein Frauenleben

Aufzeichnungen von 1927-1975

Weihnachten wie im Frieden

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Vater Theo kam am 23. Dezember nach Hause. Was für ein Hallo! Hanse und Christel sprangen an ihrem Papa hoch und konnten es nicht erwarten, von ihm auf den Arm genommen und geherzt zu werden. Inge stand freudestrahlend dabei. Natürlich ließ sie die Kleinen vor. Das war sie gewohnt. Sie spürte den warmen Blick des Vaters und erwiderte ihn lächelnd. Als er sich von den Jüngsten befreit hatte, nahm er erst sie und dann Mamachen in den Arm und drückte sie fest an sich. Wie seltsam der Vater in Uniform und Stiefeln aussah. Die Haare noch kürzer frisiert als sonst. „Lasst mich erst mal umziehen“. Mit diesen Worten zog er sich kurz zurück, um gleich darauf mit Christel und Hanse auf dem Sofa zu toben und zu schmusen. „Bitte Papa, lies uns was vor!“ „Eine Weihnachtsgeschichte!“ „Ich hab dem Christkind einen Wunschzettel geschrieben!“ „Wir haben einen Tannenbaum!“ Die Aufregung wollte sich nicht legen, doch nichts war dem Papa zu viel. „Bitte, bitte, dürfen wir ins Weihnachtszimmer schauen?!“ So wie in den Jahren davor nahm Theo also die Rasselbande mit in den Flur, schloss die Wohnzimmertür vorsichtig auf, öffnete sie nur einen Spalt breit, ohne das Licht anzumachen. „So, jetzt dürft ihr mal riechen!“ Drei Nasen schoben sich durch den Türspalt. Ja! So roch Weihnachten: Der Duft von Äpfeln und Kerzen lag in der Luft. Zu sehen war rein gar nichts. „So Kinder, jetzt ab ins Bett.“
Adele wirkte angestrengt und erleichtert zugleich. Endlich war Theo zuhause. Sie mussten darüber reden, wie es weitergehen sollte. Wann und wie sollte der Umzug nach Hösel passieren, wenn Theo doch als Soldat dienen musste. Im Februar würde sie niederkommen und mit Inge und dem Hausmädchen alleine würde sie das alles nicht bewältigen können. „Jetzt bin ich erst einmal bei euch. Lasst uns das Weihnachtsfest genießen, keiner weiß, was nächstes Jahr kommt“, versuchte Theo seine sorgenvolle Adele zu beruhigen.
Am 24. Dezember lief alles wie immer. Kartoffelsalat und Würstchen wurden für den Abend vorbereitet, der Festtagsbraten für den 25. lag schon in der Marinade. Adele huschte immer wieder ins Weihnachtszimmer, die beiden Kleinen versuchten vergeblich einen Blick zu erhaschen. Dann endlich war es soweit. Das Glöckchen läutete und alle wussten, jetzt durften sie eintreten. Die Tür wurde von innen geöffnet und feierlich singend zogen die Kinder in das Wohnzimmer ein. Da strahlte er, der Weihnachtsbaum. Allein die duftenden Kerzen erhellten den wohlig warmen Raum. Die Augen gewöhnten sich langsam an das Halbdunkel, so dass beim „Oh du fröhliche“ die Blicke auf der Suche nach den Geschenken durch den Raum schweiften. Doch vor der Bescherung wurde viel und lange gesungen. Dann ging es ans Auspacken und Christel, die sich so sehr ein Fahrrad gewünscht, es aber nicht gesehen hatte, bekam es doch! Es hatte gut versteckt hinter der Tür gestanden. Keiner konnte sich an diesem Heiligen Abend vorstellen, wie die Weihnachtsfeste der kommenden Jahre in Deutschland, überall in Europa und vielen anderen Ländern der Welt verlaufen würden. Die Angst um Leib und Leben, Tod und Leid warteten auf Millionen von Menschen(...)


1948 - Währungsreform und der erste Freund

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Das Studium machte ihr großen Spaß und die Zeit verging wie im Flug. Deutschland wiedererstand aus einem Berg von Ruinen. Der Universitätsbetrieb lief schon wieder ganz ordentlich, es wurde an einer Verfassung für die Staatsgründung der drei Westzonen gearbeitet. Die Ostzone wollten die Russen nicht mehr freigeben, auch dort bereitete man eine eigene Staatsgründung vor. Die Reichsmark, seit Kriegsende faktisch wertlos, weil nur reale Tauschware als Zahlungsmittel akzeptiert wurde, war am Ende. Die Auslagen der wenigen verbliebenen Geschäfte waren leer, wenn überhaupt fand man das Nötigste nur auf dem Schwarzmarkt. Es war höchste Zeit für eine Währungsreform. Jeder wollte seine letzten Scheine noch verjubeln, bevor am Sonntag, den 20. Juni 1948 jeder Bürger in Westdeutschland 40 Deutsche Mark „Kopfgeld“ entgegen nehmen würde.
Am Vorabend der Währungsreform gab es genau aus diesem Anlass in Schloss Hohenheim einen Uni-Ball. Inge hatte zwar nie das Tanzen gelernt und auch keinen Partner an ihrer Seite, doch dieses Fest würde sie sich nicht entgehen lassen. Das blaue Kleid konnte sie sich von ihrer Kommilitonin Annemarie leihen, die nicht zum Ball ging. Der weite Rock war bodenlang, sie würde hohe Absätze dazu tragen. Die Haare onduliert und im Stil der Endvierziger Jahre zurecht gesteckt, das Gesicht nur leicht abgepudert, denn Schminke war nicht ihr Stil, schritt Inge an diesem Abend wie eine Prinzessin die Schlosstreppe hinunter zum Festsaal, als ihr am Fuß der Treppe ein Mann auffiel, der sie zu erwarten schien. Sein Blick folgte ihr Stufe für Stufe abwärts, sie hätte nicht grußlos an ihm vorbei gehen können. Er sprach sie an, sie machten sich bekannt und beide spürten augenblicklich den zündenden Funken. „Darf ich Sie zu einem Glas Sekt einladen?“ Er durfte und Inge fühlte sich wie im siebten Himmel.
Helmut war 10 Jahre älter als sie und mit dem Studium der Landwirtschaft fast fertig. Beide verliebten sich kopfüber ineinander. Der Sekt, das rauschende Fest, die Zukunft, die so rosig erschien, für Inge war es die Nacht der Nächte. Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie Verliebtsein, das auf das Heftigste erwidert wurde. Helmut war galant, gutaussehend und vor allem: er hatte ausgerechnet sie erwählt! Eine nie gekannte Aufwertung für die junge Frau. Für beide begann eine zarte Liebesbeziehung, ein in jeder Hinsicht wunderbarer Sommer. Inge hatte noch keinerlei Erfahrungen mit Männern. Helmut war rücksichtsvoll und einfühlsam, drängte sie zu nichts. Bald gestand er Inge, dass er verheiratet war, jedoch unglücklich und an Scheidung dachte. Etwa sechs Monate später verließ er Hohenheim mit dem Diplom in der Tasche, um in seinen Beruf und zu seiner Frau zurückzukehren, jedoch mit der festen Absicht, die Beziehung zu Inge weiter aufrecht zu halten. Briefe gingen hin und her. Auch für Inge endete 1949 die Studienzeit und sie plante ihre Rückkehr nach Hösel in das Haus der Eltern. Bald war für sie klar, die Beziehung mit Helmut hatte keine Zukunft. Sie zog von sich aus den Schlussstrich(...)