Aus:
Tina Janneck
Dann kam alles anders

 

An jenem Tag leitete mich Diana mit ihrem Auto vorausfahrend zum Wohnhaus unserer leiblichen Mutter in einem tristen, menschenleeren Viertel von Würzburg. Die Wohnblöcke glichen einer dem anderen, nach kurzem Suchen fand ich unter den vielen Namen am Eingang den richtigen und klingelte. Der Türöffner summte und ich ging die Stufen hinauf zur Wohnung. Da stand meine Mutter in der geöffneten Tür: eine kleine, füllige, wenig gepflegte Frau mit grau-meliertem Haar und meinen dunkelbraunen Augen. Ich gab ihr die Hand.

„Guten Tag Veronika.“

„Hallo… Tina. Du heißt ja jetzt Tina.“

Sie hatte Tränen in den Augen und konnte kaum sprechen, wirkte dabei aber kühl und gehemmt. In dem Moment kam ihr Mann aus der kleinen Wohnung, stellte sich als Manfred vor und lachte herzlich:

„Na das ist ja toll! Dann komm‘ mal rein. Herzlich willkommen!“

Veronika bat mich in die enge Küche und bot mir einen Stuhl und einen Kaffee an, dann setzte sie sich zu mir. Das Gespräch kam nicht in Gang. Sie wusste ihre Gedanken kaum in Worte zu fassen, wirkte versteinert. Ich fühlte mich unbehaglich und hätte sofort wieder gehen können, wenn mir mein Anstand nicht gesagt hätte, bleib‘. Mir war sofort klar: was diese Frau mir zu bieten hatte, war nichts Angenehmes. Manfred kam in freundlicher Absicht hinzu und wollte interessiert seine Fragen loswerden, doch er wurde schroff mit Pflichten in den Keller geschickt. Fragen nach meinen Lebensstationen und wie es mir so ergangen wäre in den 40 Jahren, tröpfelten durch den Raum. Alles, was sie von ihrer Erstgeborenen wusste, war, dass sie von der Familie eines Juristen in der Nähe von Trier adoptiert worden war. Ich hatte keine Lust, ihr etwas von mir zu erzählen, denn da war nichts Vertrautes und sie schien mir gefühllos. So blieb ich an der Oberfläche und das Gespräch stockte immer wieder.

An den Bemerkungen war spürbar, dass ihr Horizont eng und sie nie aus Würzburg herausgekommen war. Ein langweiliges Leben ohne Höhepunkte, mit diversen Krankheitsgeschichten und einem trockenen Alkoholiker zum Mann, über den sie abfällig sprach. Aber er ist liebenswürdig und viel emotionaler als du, dachte ich bei mir. Sie zeigte mir Fotos aus ihrer Jugend: eine hübsche Frau mit langem, dunkelbraunen Haar. Die eine Frage brannte so sehr auf meinen Lippen, dass ich sie endlich stellte:

„Warum hast Du mich damals wegegeben?“

Sie stockte.

„Es war sehr schwierig für mich. Ich war noch sehr jung, bin viel ausgegangen. Da waren die amerikanischen Soldaten…“

Ihre eigene Mutter war offenbar gegen das Kind und nicht bereit, die schwangere Tochter zu unterstützen. Ich wusste schon von meinem Adoptiv-Vater, dass mein Erzeuger ein farbiger US-Soldat war. Es gab damals viele junge Frauen, die mit einem unehelichen GI-Kind zurück blieben, das, wenn es farbig war, oft im Heim landete. Im Waisenhaus gab es neben mir eine ganze Reihe Mischlingskinder mit dem gleichen Schicksal. (…) Immer mehr realisierte ich, welch großes Glück ich als Kind mit der Adoption gehabt hatte. Mein Leben wäre so anders verlaufen…

Nach einer endlos langen Stunde verabschiedete ich mich. Manfred umarmte mich herzlich, Veronika blieb auch beim Abschied distanziert. Zwei Stufen auf einmal nehmend stürmte ich nach draußen, um wie eine Erstickende vor der Türe tief Luft zu holen. Wie befreiend, wieder wegfahren zu können und dieser Frau keine Bedeutung für mein Leben geben zu müssen.